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Armes Land - Von einem perfiden Leistungsethos und Hartz IV

Ich weiß gar nicht was mich mehr aufregt: der Missstand an sich oder dass sich unsere Gesellschaft scheinbar damit abgefunden hat. Es geht um Hartz IV oder Bürgergeld, wie es demnächst heißt. Und es geht um die Bedeutung von Leistung und Geld. Und es geht auch um mich. Es gab immer wieder Phasen, in denen ich meinen Lebensunterhalt nicht bestreiten konnte. Zeiten, in denen sich kaum jemand dafür interessierte, was ich tat und vor allem niemand dafür bezahlen wollte. Da stand in grell leuchtenden Buchstaben immer und überall der Schriftzug „So geht es nicht weiter“. Manchmal bin ich nachts aufgewacht und es war eine glühende Kugel in meinem Bauch. Ich fühlte bis in die letzte Faser meines Körpers, dass ich abgehängt war und vergessen. Schlimmer noch, ich hatte endgültig versagt. Gedanken, die sich zu einer klebrigen schwarzen Masse verbanden. Eine echte Horrorshow. Zum Glück ließ der Alpdruck am nächsten Morgen nach, von ihm blieb ein Schatten, der Gedanken und Gefühle verdunkelte. Vieles hat dieser Schatten bewirkt. Er machte mich müde, gereizt, fahrig. Nie hat er mir geholfen. Eigentlich war seine Botschaft sehr einfach. Sie lässt sich auf die einfache Gleichung bringen: Geld = Leistung = persönlicher Wert. Ich hatte kein Geld, also leistete ich nichts, also war ich nichts wert. Diese Aussage widerspricht all meinen Überzeugungen. Aber sie hat in mir gewirkt und tut es noch heute. Sie wirkt in den meisten von uns. Sie hält unsere Wirtschaft zusammen. Vermutlich ist sie auch dafür verantwortlich, dass erwerbslose Menschen von unserem Land so kaltherzig behandelt werden.

Warum arbeiten Menschen nicht? Dafür gibt es natürlich viele Gründe. Vielleicht brauchen sie es nicht, weil sie genug auf der Kante haben oder in Rente sind oder zufällig gerade Kind. Vielleicht sind sie aber von ihren Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt bis auf die Knochen entmutigt. Vielleicht ist ihr Selbstwert unter ein dafür notwendigen Niveau abgesunken. Vielleicht braucht ihre Seele nach einem Schicksalsschlag eine Auszeit. Vielleicht sehen sie sich selbst nicht mehr als Teil ihrer Zukunft. Oder sind einfach sehr traurig. Oder können aus körperlichen Gründen nicht arbeiten. Dass sie einfach faul sind halte ich für sehr unwahrscheinlich. Menschen wollen sich engagieren, wollen etwas beitragen, wollen arbeiten. Auch wenn manche diesen Wunsch in sich nicht mehr spüren können.

Was geschieht mit diesen Menschen? Sie erhalten gerade so viel Geld, dass sie alles Lebensnotwendige kaufen können. Natürlich immer vom Billigsten. Ja, man kann von Hartz IV leben. Aber das kann man auch in Isolationshaft oder in einem Hundezwinger. Menschen sterben nicht so schnell. Aber ein würdevolles Leben ist mit Hartz IV sehr schwierig. Mal Kaffee und Kuchen mit der Freundin, mal Kino, ein Buch, gar ein eigenes Hobby: Nein, das ist nicht drin. Gesunde Ernährung auch nicht. Und wenn sich der Arbeitslose nicht nach dem Job-Center richtet, wenn er einen Termin verpasst oder einen Job nicht annimmt, dann kann ihm ein Teil dieses lebensnotwendigen Geldes gestrichen werden. Das klingt für mich nach Sklaverei. Der Hartz IV-Satz liegt heute bei 449 Euro. Ein solches Kriechen am Existenzminimum führt regelmäßig zu sozialer Isolierung. Alte Freundschaften brechen weg, schon weil viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung wegfallen. Es ist offensichtlich, dass so psychische Krankheiten insbesondere Suchtkrankheiten begünstigt werden. Dass Armut krank macht ist ja allgemein bekannt. Teure Therapien und eine flächendeckende Sozialarbeit versuchen die Folgeschäden wieder auszubügeln. Dafür ist dann Geld da. Viel wird in Deutschland von Chancengleichheit gesprochen. Dass Kinder in Tristesse und Hoffnungslosigkeit aufwachsen und dabei Resignation als Lebenseinstellung lernen ist zu einem Teil auch eine politische Entscheidung. Der Hartz IV- Betrag hat vor allem eine Aussage, „Wir geben für euch keinen Cent mehr aus als es unbedingt sein muss, denn ihr seid es nicht wert“.

Der paritätische Wohlfahrtsverband hat ausgerechnet, dass etwa 200 Euro mehr im Monat notwendig sind, damit das, was das Gesetz vorsieht auch wirklich bezahlt werden kann. Dazu gehört auch kulturelle Teilhabe. 200 Euro das sind etwa 10 Milliarden Euro im Jahr. Klingt viel – ist es aber nicht wirklich. Die steuerliche Subvention von Kerosin kostet über 8 Milliarden, die von Diesel ebenso viel (Angaben für 2018 vom Umweltbundesamt). Klimaschädlicher Wahnsinn, der uns mehr wert ist als ein würdevolles Leben der Ärmsten in unserem Land. Zudem würden von den 10 Milliarden sehr viele Folgekosten der Armut vermieden werden. Vielleicht könnte man sogar sparen dabei. Für mich deutet alles darauf hin, dass diese Armut tatsächlich gewollt ist. Eine ganz praktische Erklärung: Hartz IV unterstützt den Niedriglohnsektor. Menschen verharren in prekären Arbeitsverhältnissen aus Angst vor dem Abstieg. Und die Jobagentur subventioniert Jobs, um Hartz IV-Empfänger in Erwerbsarbeit pressen zu können. Das ist toll für Arbeitgeber, zumindest für ihren Profit.


Eine andere Erklärung ist dieser perfide Leistungsethos. Geld (und Popularität) fungiert noch immer als Platzhalter für Leistung, obwohl wir eigentlich wissen, dass das nicht hinhaut. Und Leistung gilt als unbedingte Pflicht gegenüber der Gesellschaft. Arbeitslose werden zu unnützen Sozialschmarotzer. Solange sie sich nicht aufraffen und arbeiten, haben sie ihr Recht auf Zukunft vergeigt. Geeignet höchstens als wohlig-gruseliger Kontrast zum eigenen Wohlstand. Dass jeder dieser Menschen das ganze Potenzial menschlicher Empfindung in sich trägt wird einfach übersehen. Und auch, dass jeder seine Gründe hat. Sie sind zur Kategorie geworden. Irgendwie keine richtigen Menschen, so wie man früher vielleicht die Einheimischen in den Kolonien betrachtet hat. Dabei gehören sie zu den besonders Schutzbedürftigen in unserem Land. Viele von Ihnen sind Opfer eines erbarmungslosen Wettbewerbs, Kollateralschäden unseres Produktivitäts-kults. Kaum jemand würde behaupten, dass er den Wert eines Menschen von seiner Leistung abhängig macht. Und trotzdem beurteilen wir uns selbst und andere andauernd und selbstverständlich auf diese Weise. Ich saß mal in Spanien an einem Fluss und hatte eine Erleuchtung. Mir wurde klar, wie befreiend und beglückend es wäre, Menschen (mich selbst eingeschlossen) nicht mehr nach was auch immer für Aspekten von oben nach unten einzuordnen, sondern sie in ihrem So-sein, in ihren Erfahrungen, ihrem ganz spezifischen Menschsein einfach anzunehmen. Quasi von der vertikalen zur horizontalen Betrachtung. Schön, obdachlos, erfolgreich, dumm, selbstbewusst, arm usw.: Diese Zuschreibungen verdecken das, was das Wesen eines Menschen ausmacht. Klingt simpel und naheliegend. Ist aber in der Konsequenz revolutionär. Und für die meisten (mich eingenommen) ein langer Übungsweg, bei dem es nur um die Richtung geht, nicht ums Ankommen. Mit einer solchen Sichtweise wäre es völlig unmöglich, Erwerbslose so verächtlich zu behandeln wie es derzeit geschieht. Nach einer solchen Sichtweise verdient jeder Glück und Wohlstand.

Ich bin ganz und gar nicht gegen Marktwirtschaft. Und Leistung soll sich durchaus lohnen. Aber Wettbewerb muss nicht zum todernsten Spiel um Wert, Würde und Existenz werden. Es ist nicht unsere allererste Menschenpflicht, den  Motor unserer Wirtschaft anzukurbeln. Der läuft sowieso schon viel zu heiß. Auf jeden Fall sollten wir die, die beim Wettbewerb unter die Räder kommen, nicht noch bestrafen. Das ist ganz einfach widerlich.

 

 


Zu diesem Artikel wurde ich inspiriert durch folgendes Buch:
Die Elenden, von Anna Mayr, Hanser 2021

 

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