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Eine (un)bedeutende Spezies

In der Arte-Mediathek fand ich zufällig die Mini-Doku-Serie „Eine überschätzte Spezies“. In den zehn 3-4 minütigen Episoden wird der Mensch der Natur gegenübergestellt. Schauen Sie mal rein, da kann man viel lernen. Am eindringlichsten ist der Blick in den Weltraum. Allein im beobachtbaren Teil gibt es etwa so viele Sterne wie Sandkörner auf der Erde. Wow. Und die Sonne ist nur ein mickriger Zwergstern. Quasi ein extra unbedeutendes Sandkörnchen. Jeder Stern hat durchschnittlich einen Planeten. Es muss also wimmeln von Leben. Zeigt das nicht, wie unbedeutend wir sind? Oder die angebliche Überlegenheit des Menschen gegenüber anderen Arten. Alle Menschen der Welt wiegen nicht mehr als alle Ameisen. Wir sind bloß seit einem superwinzigen Moment der Erdgeschichte da - und höchstwahrscheinlich bald verschwunden. Und dann sind Menschen eigentlich eine Art Lebensgemeinschaft verschiedener Arten, insbesondere Bakterien, ohne die wir nicht existieren können. Sie beeinflussen sogar unser Denken. Die kleine Serie reiht einen beeindruckenden Fakt an den anderen und am Ende steht für uns immer das vernichtende Urteil „unbedeutend“. Das klingt beeindruckend. Aber ist es auch logisch?

Nein, das ist es nicht. Wissenschaft kann ein Schwarzes Loch abbilden, sie kann Erbinformationen entschlüsseln und Impfstoffe entwickeln. Aber eines kann sie sicher nicht: uns sagen was von Bedeutung ist. In der Logik der Arte-Serie ist bedeutend was groß, einzigartig, komplex oder leistungsfähig ist. Ist das so? Ist ein Mensch der schnell laufen kann bedeutender als einer, der im Rollstuhl sitzt? Ist ein Wal bedeutender als ein Hund? Ist ein SUV bedeutender als ein Fahrrad? Und ein großer Stern bedeutender als ein kleiner? Nö. Diese Auffassung von Bedeutung ist vulgär. Bei der Grundaussage der Sendung handelt es sich um eine Kategorienverwechslung. Bedeutung ist nicht objektivierbar.

Ich kenne ihn auch, den Blick in die Sterne, der alles so wohltuend relativiert. Ja, es stimmt, ich fühle mich dann klein. Meine Sorgen werden klein, meine Begierden, mein Ego. Aber die Sterne werten mich nicht ab. Im Gegenteil ich fühle mich nämlich gleichzeitig groß. Ich bin Teil dieses riesigen Kosmos. In der Weite geborgen. Die meisten von uns haben das wissenschaftliche Weltbild mehr oder weniger als „Leitweltbild“ übernommen. Leider ist es unbewohnbar. Wir können keine Bedeutung an ihm fest machen. Was für uns wichtig ist, woran wir unser Leben ausrichten, das spielt in der wissenschaftlichen Sichtweise keine Rolle (es sei denn als Gegenstand der Betrachtung). Es ist, als würde das kalte Weltall durch uns hindurch wehen. Deswegen leisten wir uns noch andere, mehr oder weniger bewusste Weltbilder. Religiöse, esoterische, nebulös namenlose. Oft stehen sie verschämt und halbbewusst herum und verstecken sich vor dem grellen Licht der Wissenschaft, die die Welt schließlich zeigt „wie sie ist“.

Es ist schon komisch, das wissenschaftliche Weltbild wird von den meisten von uns geteilt, aber es hat im Grunde wenig mit uns zu tun. Ein Beispiel: es gehört zum guten Ton eines aufgeklärten Menschen zu sagen: „Wir sind nichts weiter als eine biologische Art unter vielen“. Das suggeriert ja auch die Arte-Serie. Aber stellen Sie sich mal vor, wir würden nach dieser Aussage leben. Im Haushaltswarenladen hängen dann neben den Fliegenklatschen Maschinengewehre, unsere alte Tante wird zusammen mit dem Hund eingeschläfert und es gibt endlich Altersgrundsicherung für Rotkehlchen.
Wir alle (Kannibalen jetzt mal ausgenommen) sind davon überzeugt, dass ein Mensch mehr wert ist als ein Tier. Auch wenn einige etwas anderes sagen. Diese Überzeugung ist sogar grundlegend für unser Zusammenleben. Davon unberührt halte ich den Schutz einer Tierwürde für sehr wichtig.

Um das mal klarzustellen: ich habe großen Respekt vor der Wissenschaft und zweifle gesicherte Erkenntnisse nicht an. Aber ich glaube, dass das Licht der Aufklärung uns tatsächlich blind macht für das, was unser Leben ausmacht. Worauf will ich hinaus? Das in Worte zu fassen ist schwierig. Es soll weder banal sein noch diffus oder überkomplex. Vor allem nicht zu lang. Ich versuchs mal. Eine Szene. Ein älteres Paar sitzt in einem Café. Vielleicht auf einer Wochenendreise in einer berühmten Stadt. Das Innere des Cafés ist liebevoll ausgestattet. Überall hängen ausdrucksvolle Bilder. Es riecht nach frisch gemahlenem Kaffee, Zimt und Karamell. Leichte Jazz-Musik ist zu hören. Der Mitarbeiter des Cafés begrüßt die Gäste gut gelaunt. Die zwei kommen nach erlebnisreichen Wochen endlich zur Ruhe. Lange haben sie sich auf diesen Trip gefreut. Jetzt unterhalten sie sich gerade über die Schönheit des botanischen Gartens. Und schon ist die unspektakuläre Szene zu Ende. Sie ist im Grunde beliebig. Das um was es mir geht findet eigentlich immer und überall statt.

In dieser Szene jedenfalls sind zwei Säugetiere bei der Nahrungsaufnahme. Aber was macht für die beiden die Bedeutung des Augenblicks aus? Ihre Beziehung, ihre gemeinsamen Erlebnisse der letzten Stunden, ihre Lebenserfahrungen, das Café mit seinen Düften und Klängen, die Stadt um sie herum, all das verbindet sich zu so etwas wie einem Klangraum. Es entsteht Sinn. Nicht intellektuell gefiltert, sondern unmittelbar, wie Nahrung. Die beiden nehmen das sehr fein wahr und kosten es aus.

 

Sie „hören“ den Klang in all seinen Nuancen. "Klang" ist natürlich nur eine Metapher, es handelt sich um eine ganz andere Art der Sinneswahrnehmung. Es ist wie ein begehbarer Raum zwischen der äußeren und der inneren Welt. Das Bewusstsein, diese Erfahrung zu teilen, macht sie so kostbar und bedeutsam. Und vor allem: die Bedeutsamkeit des Moments wird als etwas Reales erfahren, nicht als Epiphänomen eines auf Überleben getrimmten Säugetiergehirns. Nicht wie ein psychisches Ereignis, sondern wie eine Eigenschaft der Welt. Es ist eine schöne, geborgene Welt, in der die beiden ihren Kuchen essen.

 

Ist das wirklich nur Neuronentheater? Ist die wahrgenommene Bedeutung nichts als ein Zustand des Gehirns der dies suggeriert oder nimmt sie Bezug auf eine darüber hinausgehende Realität? Ersteres ist die „offizielle“ Version unserer Welt. Das Zweite ist das, was unser Leben ausmacht, wonach wir uns alle ausrichten. Leben wir aber nur, als ob Bedeutung eine reale Eigenschaft der Welt wäre? Das wäre so grässlich und trostlos, dass ich es mir nur für wenige Augenblicke vorstellen kann. Letztendlich gäbe es keinen Anhaltspunkt dafür, dass das ganze Universum bedeutender ist als ein Hundehaufen. Was wäre das für eine Trauer, mit der ich betrauere, dass alle Trauer völlig unbedeutend ist? Wir alle erleben Bedeutung als Realität. Auch ein Mensch, der ein ganz und gar naturwissenschaftliches Weltbild pflegt, kann natürlich sein Kind liebevoll in die Arme nehmen und beschützen. Auch er wird die Sorge um sein Kind nicht in erster Linie als Ausdruck seiner Psyche, sondern als etwas an sich Bedeutsames erleben.

Mir ist kein Wort bekannt, das das benennt, was ich mit der Café-Szene angedeutet habe. Dieses vertraut-unvertraute „Welt-Seelen-Gebilde“, das viel mehr ist als ein Gefühl. „Atmosphäre, Stimmung, Gestimmtheit, Ambiente, Aura, etwas Gemütvolles“ geht in die Richtung, trifft es aber nicht wirklich. Wenn wir dieses Etwas erleben, ist es als würden wir in etwas eintauchen. Wir finden uns darin zurecht. Wir können es erinnern und wieder erkennen. Und obwohl wir unser Leben danach ausrichten, entzieht es sich einer bewussten Reflexion. In dem Moment in dem wir unsere Außenwelt analysieren, scheint es nicht mehr zu existieren. Es ist ein unsichtbares Zuhause.

Ich kann mir vorstellen, dass es eine zweite Realitätsebene gibt, die auf Bedeutung beruht. Diese Bedeutungsrealität interagiert mit der materiellen Realität. Klar, sonst hätte sie ja keinen Einfluss auf uns. Eine zweite Realitätsebene. Das klingt vielleicht abenteuerlich oder esoterisch. Aber in unserem Handeln, unserem Fühlen nehmen wir genau das an ohne es zu reflektieren. Ohne diese Annahme wäre menschliches Zusammenleben gar nicht möglich, behaupte ich. Aber sobald wir diese Annahme ins Bewusstsein zerren, klingt sie ziemlich abgehoben. Seltsam oder? Mich erinnert das an schwarze Materie. Sie macht den größten Teil des Universums aus. Man kann ihr Vorhandensein ableiten, weil sie die Gravitation verändert doch niemand weiß, worum es sich eigentlich handelt. Bis vor Kurzem war diese seltsame Materie sogar unbekannt.

Im Grunde erleben wir nie „die Welt“, sondern immer nur ineinander übergehende Welt-Seelen-Gebilde. Die Physische Welt ist quasi zusammen mit Bedeutung zu einem Kuchen verbacken. Und das was wir als Welt erleben ist der Geschmack dieses Kuchens. Manchmal kann ich, ausgelöst z.B. durch ein Geräusch oder einen Geruch, mein In-der Welt-sein als Kind wieder erleben. Für einen Moment fühlt es sich vollkommen an. Das ist absolut faszinierend. Wie ein Blick in die Sterne nur nach innen gerichtet. Dann wird mir klar, wie Lichtjahre entfernt die Welten von damals und jetzt sind. Rein äußerlich gibt es keinen so großen Unterschied. Die Autos sahen etwas anders aus, die Menschen auch. Das ist nicht grundlegend. Aber alles fühlte sich so unfassbar unterschiedlich an. Es ist ein bisschen, als habe ich damals in einem anderen Roman gelebt. Manchmal stelle ich mir vor, dass alle diese so unterschiedlichen Bedeutungen der Welt nebeneinander existieren und gleich wahr und gleich real sind. Sie tanzen umeinander, organisieren sich, verbinden sich, gehen durch uns hindurch, inspirieren uns, lassen uns Romane schreiben, Musik komponieren oder einfach träumen.

Zurück zur Arte-Serie. Als ich sie ansah, wurde mir klar, wie heimatlos wir mit diesem kalten Weltbild der Physik sind. Und wie hilflos. Es ist eine schöne Vorstellung, dass eines Tages diese andere Realität als etwas „entdeckt“ wird das der physischen Realität gleich gestellt ist. Wir würden dann etwas erforschen, das uns so vertraut ist, dass wir es nicht sehen können.
Man, das wäre echt spannend.

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Eine (un)bedeutende Spezies
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