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Auf dem Weg zum Planet B

Der Klimawandel hat Einzug in mein Leben gehalten. Nicht weil die letzten Sommer so heiß waren. Nein, ich habe es mir selbst eingebrockt. Es fing an mit dem Film „Tomorrow“. Der französische Dokumentarfilm ist ein kleines Wunder.  Er benennt ziemlich schonungslos die  Tragweite der Klimaveränderung. Und trotzdem macht der Film glücklich. Wie kann das sein? „Tomorrow“ zeigt, dass in der notwendigen Neuausrichtung der Weltwirtschaft nicht nur eine  Chance zu mehr Menschlichkeit liegt. Achtsamkeit, Fürsorge und Sinnhaftigkeit sind vielmehr notwendig als der eigentliche Brennstoff für eine neue Wirtschaft. Nach diesem Film wollte ich mehr wissen. Ich fühlte mich ermutigt, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Meine bisherige Reaktion auf das Thema war ein diffuses apokalyptisches Grundrauschen. Eine Zeit lang sah ich alle verfügbaren Dokumentarfilme auf Arte, dann begann ich zu lesen. Nach vier Büchern halte ich jetzt inne und schaue, was das Wissen um die ungeheure Bedrohung unserer Zivilisation mit mir macht. Die Menschheit hat es geschafft, in nur einer Generation, die Klimabedingungen, die ihr Überleben ermöglicht ernsthaft zu gefährden. Wir sind dabei, einen neuen Planeten zu formen: Planet B. Ein unwirtlicher, unfruchtbarer Planet. Das macht mir Angst. Manchmal ist die Angst bodenlos. Gleichzeitig fühle ich mich irgendwie produktiv verstört. Weil das Thema so gigantisch ist und alle Aspekte des Menschseins betrifft, sind auch meine Reaktionen widersprüchlich und uneindeutig. Ich spüre den Impuls, mich mit angenehmeren Themen zu beschäftigen und das Ganze zu vergessen wie einen bösen Traum.

Zu groß um wirksam zu sein
Der Klimawandel passt ja eigentlich gar nicht in die Kategorie „Problem“. Das Thema ist so groß, dass es eine ganz neue Kategorie beansprucht. Vielleicht „Menschheitsherausforderung“ oder so. Die Horrorszenarien, die uns die Klimaforschung nahe legt haben das Format von Netflix-Apokalypsen. Es wirkt irgendwie übertrieben und unseriös. „Klimahysterie“. Es steht so im Widerspruch zu unserer Konsumidylle, dass es nicht integriert werden kann. Verdrängung ist da eine eigentlich gesunde Reaktion.  „Ich möchte, dass ihr in Panik verfallt“, dieser berühmte Ausspruch von Greta Thunberg ist bei aller Bewunderung meiner Meinung nach nicht der richtige Ansatz. Wir brauchen mutmachende Erzählungen. Visionen von einem neuen Alltag, einem neuen Miteinander, Übersetzungen in unsere Lebenswelt. Und einen neuen Heldenmythos der Menschheit. Daran arbeiten (aus ganz anderen Gründen) Netflix und Co.
Der große Boom an epischen Apokalypse-Dramen zeigt doch, dass wir eine Sehnsucht nach Helden haben, die uns aus dem Chaos führen. Wir alle müssen die Helden sein. 

Wir sind schuld.
Das große Schuldthema. Wir machen uns schuldig an unseren Kindern und Kindeskindern. Ehrlich gesagt kann ich das nicht mehr hören. Für mich ist die Art wie wir bisher gewirtschaftet haben, ein möglicher Ausdruck der menschlichen Natur. Es ist nicht böse, es ist nicht „krank“. Aber es ist falsch und verhängnisvoll. Ich glaube, wir Menschen haben mit unserer Serienausstattung die Möglichkeit einer globalen ökologischen Selbstvernichtung immer in uns getragen. Die Kultur der Yanonami im Amazonasgebiet ist mit der menschlichen Natur genauso zu vereinbaren wie unser Turbokapitalismus in Deutschland. Beides funktioniert. Das eine ist nachhaltig, das andere nicht. In letzter Konsequenz ist die Umformung des Planeten durch den Menschen nicht weniger natürlich als das Singen eines Rotkehlchens. Allerdings: eine Wirtschaft, die auf ethischen Grundsätzen, Sinnhaftigkeit und menschlicher Begegnung beruht ist ebenfalls mit unserer menschlichen Natur vereinbar (ich weiß, da würden viele widersprechen). Ich mag es nicht, wenn die Generationen beim Thema Klimawandel gegeneinander ausgespielt werden. Wir alle sind Menschheit. Geistige Freiheit und konsequentes Handeln ist doch kein Privileg der Jugend. Und Opportunismus ist kein Privileg der Erwachsenen. Kaum jemandem ist es egal, was nach seinem Tod mit der Menschheit geschieht. Unser durch Gier und Vorteilsdenken befeuertes Wirtschaftssystem hat uns vielleicht blind für die Schönheit und das Potenzial der menschlichen Natur gemacht.

Warum tun wir nicht endlich etwas?
Ich sauste in einem Flugzeug durch die Nacht. (Ja, ich bin geflogen, ich beanspruche nicht, ein Heiliger zu sein).  Unter mir sah ich die Lichter von Bergdörfern in den Südalpen. Wie wunderschön die Ketten von Straßenlampen in der Schwärze leuchteten. In diesem Moment empfand ich eine große Wertschätzung für das was Menschen miteinander, füreinander (und auch gegeneinander) erreicht haben. Ich stellte mir vor wie jeder dort unten in der unwirtlichen Berglandschaft eine Heizung, ein Radio, Licht und Anschluss an das Straßennetz hat. In diesem Augenblick war ich erfüllt von einem Gefühl von Liebe zum Menschen und dem, was die Natur ihm mitgegeben hat. Das stand in einem großen Widerspruch zu der Distanz, ja dem Ekel den ich immer stärker gegenüber unserem kapitalistischen Wirtschaftssystem empfinde. Dieser Flug durch die Nacht hat mir sehr gut getan. Die Infrastruktur, die ich dort unten sah, stand für die Geborgenheit in der Zivilisation. Große Erzählungen über das Leben, gemeinsame Werte, die Übereinkunft darüber, wofür es sich lohnt zu kämpfen – auch das waren Voraussetzungen für den Erfolg. Genau das erschwert aber heute eine schnelle Reaktion auf den Klimawandel. Das bisherige (und nach seinen Maßstäben sehr erfolgreiche) Wirtschaftssystem wird ja getragen von den Identitäten, Ängsten und Sehnsüchten der Menschen. Es klingt komisch, aber ein Wirtschaftssystem ist auch eine Art Heimat. Auch der Konsumismus kann Heimat sein. Ist es verwunderlich, dass die Fakten des Klimawandels verdrängt werden, wenn die eigene Entwurzelung droht? Wahrscheinlich sind die technischen Herausforderungen beim Umbau der Wirtschaft nicht das Hauptproblem, es ist wohl vor allem das Kunststück, die verunsicherten Menschen mitzunehmen. Es ist eine Illusion, dass sich alles ändert, nur weil die Fakten auf dem Tisch liegen. Man muss Lust auf die Reise machen.

Der Mensch als Schädling
Ein bekannter Witz: „Sagt ein Planet zum anderen: Ich habe Homo Sapiens. Sagt der andere: Keine Angst, das geht vorüber“. Mir bleibt da das Lachen im Hals stecken, denn das ist ja genau der Blick, den viele auf die Rolle des Menschen auf der Erde haben – eine Art Schädling. Diese Art zu denken ist selbst wie eine Infektion, man wird sie so schnell nicht wieder los. Ich glaube, wenn etwas uns durch die große Krise bringt, dann ist es das Festhalten am Wert und der Würde jedes einzelnen Menschen. Nur das kann uns vor verheerenden Kriegen und Hungersnöten retten. Ich habe einen kleinen Sohn. Ein Wunder. Einzigartig. So nehme ich das wahr. Wie kann ich gleichzeitig die Menschheit als Schädling wahrnehmen? Wie kann ich mein Kind liebevoll betrachten und nicht dem Menschsein an sich einen hohen Wert beimessen? Irgendwie scheint es nahezuliegen, dass jeder Einzelne an Bedeutung verliert, wenn er als Teil von einer riesigen Menge an Menschen betrachtet wird. So wie die Erde bedeutungslos erscheinen mag, wenn man die fantastische Größe des Weltalls anschaut. Lassen Sie das mal auf sich wirken. Ist das wirklich logisch? Warum sollte etwas bedeutungslos werden, nur weil es klein oder eines von vielen ist? Trägt es die Bedeutung nicht in sich? Menschen haben unzählige Tier- und Pflanzenarten ausgerottet und werden noch viel mehr von ihnen für immer zum Verschwinden bringen. Es tut weh, dabei zusehen zu müssen. Aber ich glaube es übersteigt unsere Fähigkeiten, das was gerade mit der Erde geschieht, moralisch zu bewerten. Wir sollten das einfach lassen. Es liegt in unserem ureigenem Interesse, die Lebensgrundlage  für uns und unsere Mitgeschöpfe zu erhalten oder zurück zu gewinnen. Menschen haben die Fähigkeit zu Mitgefühl und Verantwortung. Und Verstand haben wir auch. Eigentlich haben wir alles was wir brauchen. Und ich habe ein tiefes Gefühl, das unsere Anwesenheit in diesem Weltall Sinn macht. Wenn das nicht so wäre, würde nichts und auch wirklich gar nichts Sinn machen.


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